Auch Freiberufler sind nicht frei! Sie nennen auch uns Humankapital!
17. Mai 2012 von Maja Wiens | 2 Kommentare
Miriam schrieb als Kommentar zu meinem Text “Rentenversicherungspflicht für Selbständige: Ja, natürlich! Warum eigentlich nicht?“ folgendes:
Liebe Maja,
es gibt nicht nur die unsolidarischen Stinkreichen, es gibt auch ein Heer von Freiberuflern, die für Stinkreiche auf Honorarbasis arbeiten und sich in Monaten, in denen sie 1000,00 € auf ihrer Einnahmenseite verbuchen, glücklich schätzen. (Nicht alle Freiberufler sind als Künstler in der Künstlersozialkasse versichert. Es gibt auch Nichtkünstler.)
Eine fiktive Rechnung:
1000,00 € Einnahmen stehen gegenüber
- 250,00 € Warmmiete
- 50,00 € Energie
- 30,00 € Flatrate Internet/ Telefon
- 200,00 € gesetzliche KV (http://www.cecu.de/krankenversicherung-freiberufler.html)
- 20,00 € sonstige Gesundheitskosten (Quartals- u. Rezeptgebühren, Zuzahlungen)
- 75,00 € Mobilität (Auto oder Monatskarte ÖPNV)
- 18,00 € GEZ
- 15,00 € Hausrat-, HaftpflichtversicherungDem freiberuflichen Nichtkünstler bleiben nach Abzug dieser 658,00 € von seinem Honorar für Essen, Kleidung, Kultur und Bildung 342,00 €.
Es sei denn, er zahlt mit 196,00 € auch noch die 19,6 % Rentenversicherungsbeitrag. Dann blieben ihm 146,00 €. Mit diesem Einkommen ginge er dann zum Jobcenter und ließe aufstocken. Er könnte aber auch beschließen, nicht mehr zu arbeiten und als Arbeitsloser ausschließlich von ALG II zu leben bzw. dieses mit etwas Schwarzarbeit aufzubessern.
Deshalb verbreite auch ich den Aufruf, die Petition zu unterschreiben, im Internet.
Dieser Aufruf wird sicherlich auch, aber keineswegs nur, von Aktionären unterstützt.
So lange es Menschen gibt, die unsolidarisch bezahlt werden, gibt es auch unsolidarisches Beitragsverhalten.
Miri
Liebe Miri,
ich hoffe du nimmst mir nicht übel, dass ich deinen Kommentar hier als Zitat poste, aber sonst würde unsere Diskussion vermutlich kein Mensch lesen.
Deine Argumentation ist meines Erachtens falsch, weil schon ihre Eckannahmen nicht stimmen. Bei Freiberuflern, die nur 1000 € pro Monat auf der Einnahmenseite zu stehen haben, muss man natürlich fragen, wie viele Stunden sie arbeiten, um auf diese Summe zu kommen und welche Art von Arbeit das ist.
Arbeitet dein Beispielfreiberufler nur 10 Stunden und bekommt dafür die 1000 € – oder arbeitet er dafür 200 Stunden?
Du kannst es da schon wenden, wie du willst – es ist in jedem Fall etwas schief. Entweder hat er zu wenig Arbeit/Aufträge oder er wird zu schlecht bezahlt. Honorare von 10 € pro Stunde für Freiberufler sind nicht in Ordnung! Und wenn man davon ausgeht, dass die Auftraggeber nicht bereit sind, mehr zu bezahlen, dann liegt genau da die Schweinerei. Der Auftraggeber darf niemanden finden, der zu solchen Hungerhonoraren arbeitet! Es gehört auch zur Solidarität zu sagen: Das mache ich nicht, das ist zu schlecht bezahlt. Ansonsten drehen wir die Spirale immer weiter nach unten!
Liebe Miri, deinem freiberuflichen Nichtkünstler verbleiben nach deiner Rechnung für Essen, Kleidung, Kultur und Bildung 342,00 €. Davon kann man auf Dauer nicht menschenwürdig leben.
Folgt man deiner Argumentation, müsste man deinem Freuberufler also auch die gesetzliche Krankenversicherung erlassen, die ihn 196 € kostet. Dann hätte er schon 538 € – WOW!
Allerdings wäre dann eine Blinddarmentzündung oder ein gebrochener Arm ein Problem, denn für die entsprechende Behandlung wäre sein Monatsbudjet garantiert nicht ausreichend. Es sei denn, der Arzt wäre ein Freiberufler, der für 7 € in der Stunde arbeitet und keinerlei Betriebskosten (Praxismiete, Angestellte etc.) hat.
Liebe Miri, ich würde gern wissen, aus welchen Berufsgruppen das von dir genannte Heer von Freiberuflern besteht, das man wegen geringer Einkünfte vor einer Rentenversicherungspflicht “bewahren” muss. Lehrer, Dozenten, Pflegekräfte, Physiotherapeuten und selbständige Handwerker sind auch jetzt schon rentenversicherungspflichtig.
Auch deine Argumentation, der arme Freiberufler müsse dann zum Jobcenter und aufstocken, kritisiert am falschen Ende. Dass die abhängig vollzeitarbeitende Friseurin aufstocken muss, ist doch genauso ein Skandal. Soll die jetzt auch nicht mehr rentenversichert werden, weil dann ihr und dem Arbeitgeber mehr “Netto vom Brutto” bleibt?
Dein armer Freiberufler muss übrigens auch ohne Rentenversicherungspflicht aufstocken gehen, falls er ein Kind hat oder statt der 1000 € nur 700 einnimmt.
Ich bin gespannt, was du dazu sagst.
Ich habe es gerade noch mal gehört und denke es passt, der Text ist absolut aktuell:

